Die Geschichte von Radio W1 - oder: "Rock `n` Roll im Zeichen der Festung"

Radio W1 Aufkleber der zweiten von drei Generationen. Dieser dürfte ungefähr aus dem Jahr 1988 stammen.Wie der Name meiner Webseite verrät, geht es hier eigentlich hauptsächlich um Fotos aus Würzburg. Für diesen Artikel möchte ich aber eine große Ausnahme machen und statt dessen meine Erinnerungen an den ehemaligen Kult-Sender "Radio W1" aufleben lassen.

Ursprünglich sollte dieser Artikel eigentlich einer werden, der das Thema "Medien in Würzburg" im allgemeinen behandelt. Im Laufe der Recherche und Schreiberei habe ich aber für mich festgestellt, dass das meiste was ich schrieb, von Radio W1 handelte. So ist dieser Artikel also überwiegend von einer gewissen "Sentimentalität" und den Erinnerungen an eine wunderschöne Zeit (die Jugend) geprägt. Für den Artikel habe ich viele alte Kassetten und Tonbänder abgehört, die ich damals mitgeschnitten hatte (warum auch immer ich das tat - heute freue mich über diese Aufnahmen). Als ich W1 damals "entdeckte" und zu meinem Tagesbegleiter machte, war ich gerade 14 Jahre alt. W1 hat mich seiner Zeit musikalisch nachhaltig geprägt und meinen Berufswunsch ("etwas mit Radio machen") deutlich geformt.



Moderatorin Uschi Lamertz im W1-Sendestudio im Wöhrl-Haus.Deswegen möchte ich mich auf dieser Seite also weniger den Programmen von Radio Gong oder Charivari widmen, sondern viel mehr dem "Kult" aus vergangenen Tagen. Denn Radio W1 war eindeutig das, was man heute landläufig als "kultig" bezeichnen würde - und so haben es die die es miterlebt haben - auch immer noch in Erinnerung. Warum es so war? Der ehemalige Chefredakteur und Moderator Kai Fraass drückte es einst ganz treffend so aus: "Wir haben anders Radio gemacht, im Vordergrund stand die alternative Musik. Und vor allem haben wir nie AC-Format gespielt, also diesen Mainstream des so genannten "Adult Contemporary", bei uns hatte jede Musik ihren Raum". [1]

Privatradio in Würzburg

Private Radioprogramme gibt es in Würzburg genau seit dem 8. Mai 1987. Damals starteten die drei Sender "Radio Gong Mainland", "Main-Radio" und "Radio Würzburg 1" auf der gemeinsamen UKW-Frequenz 103 MHz. Für gut ein Jahr gab es diese erste "Testphase" in der sich die drei Sender die Sendezeit über den Tag aufteilten. Radio W1 hatte ein kleines Studio in der Münzstraße 3, Mainradio befand sich in der Augustinerstraße 15 und Radio Gong Mainland - wie auch heute noch - in der Semmelstraße 15.

Hier mal zum Vergleich: Entscheiden Sie selber, welcher Sender schon damals - 1987 - "cooler" klang... ;-)

Radio Gong Mainland

Radio W1 (gesprochen von Christian Stürmann)

Am 4. Juni 1988 endete dann zum Glück das "Frequenz-Sharing" in Würzburg und alle drei Sender bekamen eine eigene Frequenz. Radio Gong Mainland wechselte auf die 92,1 (heute 106,9), Main-Radio (Umbenennung zu "Radio Charivari") auf die 97,1 (heute 102,4) und Radio W1 auf die 95,8 (heute die Frequenz von "egoFM").

Die Musikformate waren zu Anfang sowohl bei Main-Radio als auch bei Radio Gong - wie auch heute - sehr im Mainstream-Bereich angelegt und die Sender spielten ein Format welches als "AC-Format" bezeichnet wird. AC bedeutet "Adult Contemporary" - also soviel wie "zeitgemäße Musik für Erwachsene".

Was ist Formatradio?

"Schalten Sie mal Ihr Radio ein - dann hören Sie es", könnte ich jetzt ganz vereinfacht sagen. Aber ich möchte es doch ein wenig genauer erklären. Formatradio ist im wahrsten Sinne des Wortes wirklich "durchformatiert". Nichts was "über den Sender" geht ist dem Zufall überlassen und im Idealfall vorproduziert. Die Musiktitel und Interpreten müssen eine möglichst breite Akzeptanz beim Publikum haben, so dass hier ein Repertoire eingesetzt wird, das die angestrebte Zielgruppe möglichst genau anspricht. In der Regel werden die Hits der letzten 20 Jahre gespielt. Das Klangbild ist melodisch geprägt und leicht durchhörbar. Häufig gibt es längere "Musikstrecken" (drei bis teilweise sogar sechs Titel ohne Unterbrechung). Der Stil ist freundlich und verbindlich; vorwiegend kommen Männerstimmen, die in der Tonlage mittig bis tief sind, zum Einsatz. Die Sprechbeiträge sind meist nicht länger als zwei Minuten und stark servicebezogen. Standardmäßig ist die Moderation kurz und positiv gehalten. Häufig werden aufwändige (Gewinn-) Spiele zur Hörerbindung eingesetzt.

Warum diese Definition und der damit verbundene Aufwand? Spielt denn der Moderator nicht was er will?

Nein! In der Regel spielt kein Moderator in Deutschland was er will (ganz wenige Ausnahmen bestätigen die Regel)! Die Musiktitel und auch die Musikfarbe sind bei den allermeisten Sendern (strikt) vorgegeben. Im Klartext bedeutet dies, dass ein Musikredakteur mit einer Planungssoftware am PC die Musik "plant" und damit dem Moderator vorgibt. In der Planung sind viele Faktoren einbegriffen. So gibt es z.B. Titel die zu gewissen Tageszeiten nicht laufen dürfen (zu schnell / zu langsam / zu negativ etc.), die Software "errechnet" aber auch, dass sich nach Möglichkeit männliche und weibliche Interpreten abwechseln, dass Sommermusik nicht im Winter läuft und umgekehrt, dass am Anfang einer Sendestunde immer ein flotter Titel läuft usw. Aus allen diesen und sehr vielen weiteren Faktoren, auf die ich hier nicht nicht weiter eingehen möchte, macht der Computer dann dass, was allgemein gerne als "Dudelfunk" bezeichnet wird, denn viele Hörer haben das Gefühl, dass immer wieder die gleiche Musik läuft und das sich Radiosender nicht großartig unterscheiden.

Warum es die Sender trotzdem so machen? Nun ja - es geht wirklich um eine möglichst breite Akzeptanz der gespielten Musik. Viele Radiosender lassen die Musiktitel die sie spielen, vorher beim Publikum testen (teilweise gibt es Firmen die dies per Telefoninterview im Auftrag der Sender durchführen). Und die Titel die in diesen Tests gut abschneiden, werden dann in die "Rotation" genommen. Mit "Rotation" ist der Bestand an Musiktiteln gemeint, die ein Radiosender tatsächlich spielt - aber nicht alle Titel die im Archiv vorhanden sind. Es gibt auch noch eine sogenannte "Heavy-Rotation". Das sind in der Regel die aktuellen Hits, welche besonders oft im Programm laufen aber mit dem Verschwinden aus den Charts auch nicht mehr so oft gespielt werden oder ganz aus dem Programm fallen. Alle Titel der Rotation spiegeln möglichst genau das Format eines Senders wieder. So wird zwar vermieden das Titel und Musikrichtungen die nicht ins Format passen im Programm auftauchen. Jedoch ist der große "Nachteil" die vom Hörer gefühlte starke Wiederholung von bekannten Titeln. Manche Sender gehen deswegen dazu über, im Programm extra mit Sprüchen zu werben wie: "Bei uns hören Sie keinen Titel doppelt".

Wie viele und welche Titel genau in der Rotation eines Senders sind, ist mehr oder weniger ein gut gehütetes Geheimnis. Man kann aber davon ausgehen, dass z.B. Sender die ein Hitradio-Format spielen (überwiegend aktuelle Charts in einem auf die Zielgruppe der 14 bis 29-jährigen zugeschnittenen Programm), mit 500 bis 800 Musiktiteln in der Rotation auskommen. In so einem Format verschwinden aber natürlich Musiktitel die nicht mehr in den Charts sind, recht flott aus dem Programm und werden durch neue Hits ersetzt. Die Top 10 - Titel werden entsprechend oft am Tag gespielt (siehe oben "Heavy-Rotation"). Als Radio Gong in Würzburg Anfang der 90er Jahre ein "Hitradio" war (Slogan war damals: "Ein Sender alle Hits - Radio Gong"), kann ich mich daran erinnern, dass der Titel "Crazy" von "Seal" laut Aussage der Musikredaktion acht Mal am Tag lief (!!!). Um es Mal auf die aktuellen Verhältnisse in Würzburg umzumünzen... Ich weiß nicht, wieviele Titel dort in der Rotation sind. Ich vermute aber bei beiden Sendern einen Bestand von 1.500 bis 2.000 Titeln pro Sender, maximal. Im ersten Moment klingt das vielleicht nach viel. Wenn Sie aber mal rechnen, dass ungefähr zehn Titel pro Stunde gespielt werden und der Tag 24 Stunden hat, dann sind das rund 240 Titel am Tag und nach fünf Tagen schon 1.200 Titel. Eine gewisse Wiederholung ist also gar nicht zu vermeiden!

So ist es in einem Formatradio eben auch ganz verständlich, dass viele Titel oder Interpreten von früher - die Sie vielleicht eigentlich noch mögen - einfach eben nicht mehr im Radio laufen. Denken Sie doch mal z.B. an Interpreten wie die "Beatles" und wieviele Songs es geben würde die gut waren und die man spielen könnte? Wenn es hoch kommt, dann läuft vielleicht noch "All you need is love" oder "Let it be". Der "Rest" der Beatles klingt aber einfach auch nicht mehr so, wie es ein Mainstream-Programm wie z.B. Antenne Bayern benötigt (die spielen eh keine "Oldies"). Gerade dieser Sender ist sehr stark formatiert. Nur wenig was dort über den Sender geht, ist dem Zufall überlassen! Sehr wahrscheinlich die wenigsten der "ach so zufälligen" Anrufer die gerade in der Morgensendung "On Air" genommen werden und genau passend danach fragen, wann denn wieder "das Spiel mit dem geheimen Geräusch" dran kommt, sind wahrscheinlich echt. Rechnen Sie einfach damit, dass solche Anrufe mitunter getürkt sind. Denn wenn so ein Anruf gerade gut ins Programm passen würde, könnte man ja theoretisch auch mal einen Kollegen in der Redaktion oder einen Verwandten bitten, der eben mal anruft und den ahnungslosen Hörer spielt. Auch Gespräche mit Hörern (z.B. bei Gewinnspielen) sind bei Antenne Bayern oder Bayern 3 in den allermeisten Fällen nicht live sondern kurz vorher aufgezeichnet.

Im Normalfall läuft das wie folgt ab: In einer kurzen Anmoderation weist der Moderator auf das Spiel hin, welches gleich im Programm kommt (ein sog. "Teaser") und spielt dann zwei bis drei Musiktitel. Während diese Titel laufen, rufen die Hörer die bereits bekannte Studionummer an (und zahlen je nach Abgebrühtheit eines Senders 50 Cent pro Anruf über eine Sondernummer). Der Moderator hat zu diesem Zeitpunkt sein Mischpult umgeschaltet und kann nun - obwohl die Musik auf dem Sender zu hören ist - Telefongespräche mit den Hörern über das Sendemischpult an einem Extra-Computer aufzeichnen und bearbeiten. Bei dieser Gelegenheit werden auch gleich unnötigte Sprechpausen, "ähhhhs" oder die Frage nach einem Musiktitel den der Hörer gerne hören würde aber nicht ins Programm passt, herausgeschnitten. Übrig bleibt ein perfektes Telefoninterview welches ca. 30- 60 Sekunden dauert und am Schluss einen glücklichen Gewinner enthält der im besten Falle auf die Frage des Moderators: "Welcher ist denn ihr Lieblingssender", wie aus der Pistole geschossen natürlich "Radio XY" antwortet...

Klar: für die "Durchhörbarkeit" eines Senders, ist das super! Auch der Hörer der das Programm in der Regel eh nur "nebenbei" hört, fühlt sich unterhalten und mag seinen Sender für die lockere Art der Moderatoren und wie sie mit dem Hörer am Telefon umgehen. Und nachdem alles so schön schnell von statten ging, wird der Hörer auch nicht weiter "belästigt" mit ausufernden Gesprächen und kann wieder seine "Hits" hören...

Sie merken es vielleicht - in meinen Worten schwingt ein gewisser Sarkasmus und gleichzeitig Verständnis für die Situation mit. Das rührt daher, dass ich selber viele Jahre bei verschiedenen Sendern als Moderator gearbeitet habe. Ich kenne die Hintergründe und Methoden also ganz genau. Als Moderator steht man im Formatradio immer unter einem gewissen Druck. Denn wie oben beschrieben, sollte so eine Aktion nicht zu lange dauern und trotzdem für den Hörer "unterhaltsam" sein. Und um genau diesen Kriterien gerecht zu werden, sendet man solche Sachen heute kaum noch live. Wie gesagt: für die Durchhörbarkeit ist das super, andererseits macht es das Radio für meinen Geschmack auch "langweilig" da kaum noch unerwartetes passiert. Als Radiohörer, finde ich es selber mehr als unerträglich und höre selber kaum noch Radio (zumindest keine der Musiksender). Übrigens sind auch Kultur- und Wortprogramme in Deutschland längst formatiert. Als Beispiel wären da Bayern2 und das Deutschlandradio aus Berlin zu nennen. Auch dort gibt es ein einheitliches Jingle-Paket als "Programmverpackung" und ein Musikformat an welches sich gehalten wird.

Besonders "schlimm" wird es mit dem Formatradio, wenn es so läuft wie ich es mal bei einem bayerischen Radiosender erlebt habe. Ich wollte damals einen ehemaligen Kollegen wieder sehen und besuchte ihn im Studio bei seiner Sendung. Plötzlich meinte er zu mir: "So: und jetzt machen wir ein Gewinnspiel - ich habe zwei Eintrittskarten für xy". Ich sagte "Wow - wirklich xy? Wo habt ihr denn diese Karten her? Das Konzet ist doch längst ausverkauft!". Und er sagte: "Wir haben die Karten nicht! Das was jetzt kommt, ist ein Fake!". Kurz danach folgte seine Anmoderation und er erwähnte die wirklich besondern Eintrittskarten für xy die man so nicht bekommen konnte, da total ausverkauft... Er spielte direkt danach zwei Musiktitel und nahm die wirklich zahlreich eingehenden Anrufer entgegen. Jedem sagte er, dass die Karten leider schon weg sind und über den Sender sagte er zwei Namen, die er sich gerade ausgedacht hatte.

Ich war wirklich verblüfft über diesen "Beschiss", denn bei den Sendern bei denen ich gearbeitet hatte, gab es so etwas nie! Er meinte dazu nur ganz lapidar: "merkt doch keiner, und die Hörer denken wir sind der beste Sender mit den heißesten Gewinnspielen." Tja, so kann man es natürlich sehen und Radiomacher die dies nun lesen, werden ihm vielleicht sogar zustimmen. Ich persönlich war damals ziemlich "baff" über die Dreistigkeit. Aber letztlich muss man es auch so sehen: Je größer der Sender und je dichter umkämpft der lokale Radiomarkt ist, um so härter werden die Bandagen mit denen gekämpft wird und gekämpft werden muss. Denn private Radiosender sind nichts anderes als "Wirtschaftsunternehmen" die dafür zu sorgen haben, dass die Gesellschafter am Jahresende eine Dividende ausgeschüttet bekommen. Das Geld wiederum stammt zu 100% aus Werbeeinnahmen die sich wiederum daraus berechnen, wie hoch die Einschaltquoten sind die ein Mal pro Jahr ermittelt werden.

Es geht also beim Radio in erster Linie darum, dass der Hörer auf keinen Fall abschaltet und möglichst lange dran bleibt. Alles was "stört" und den Musikfluss unterbricht, verschwindet aus dem Programm. Sei es eben durch kurzweilige Inhalte (Infotainment, Gewinnspiele etc.) oder die "größten Hits der 70er, 80er und 90er Jahre". Gerade bei den großen bayerischen Radiosendern (Antenne und Bayern3) ist es auch so, dass Sie dort speziell zusammengeschnittene Musiktitel hören die vor allem in den Morgensendungen verwendet werden. Weggeschnitten werden dann z.B. sich wiederholende Refrains und besonders gerne E-Gitarren-Solos. Als Beispiel möchte ich den Titel "Heart of Stone" von "Dave Stewart" nennen. Ungefähr in der Mitte des Titels folgt ein recht heftiges Gitarrensolo. Bei Antenne Bayern fehlt dieser Part. Warum dies weggeschnitten wurde hat wahrscheinlich zwei Gründe: 1. ist man im Formatradio der Meinung, dass so etwas den Hörer "stört" und zum wegschalten bewegen könnte. 2. - und das ist der mitunter wichtigere Grund - kann man mehr Musik spielen wenn die Titel kürzer sind. Da die Verweildauer eines Hörers in der Regel nur 15 bis 30 Minuten beträgt, möchte man so den Eindruck erwecken, dass der Sender viel Musik spielt. Ein weiterer "Psychotrick" der von Radiosendern - zumindest früher - gerne angewendet wurde, war, dass man Musik grundsätzlich mit einer höheren Geschwindigkeit von +2% abspielte. Diese minimale Steigerung der Geschwindigkeit ist für den Hörer nicht wahrnehmbar wenn er nicht den direkten Vergleich hört. Die 2% bewirken aber, dass alles "freundlicher" klingt weil sich eben die Tonhöhe ändert. Der Radiohörer soll so eben den Eindruck bekommen, "die sind aber gut drauf" oder aber auch: "die spielen aber flotte Musik".

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass ich Formatradio nicht grundsätzlich schlecht finde! Es kommt eben immer darauf an, was daraus gemacht wird. Und so lange sich Formatradio eben darauf beschränkt die immer gleichen Gewinnspiele und Musiktitel zu senden und wirklich alles durchzuformatieren, wird es für mich als Hörer unerträglich. Leider ist es aber inzwischen so, dass es kaum mehr Radiosender gibt, die nicht zu irgend einem großen Verlagshaus oder Radiokonzern gehören. Radio W1 war einer der letzten Sender mit Vollprogramm in Bayern, der eben unabhängig war und kein striktes Musikformat als Vorgabe hatte. Ich wünschte mir sehr, dass man im Radio allgemein wieder mehr Mut hätte "anders" zu sein und eben nicht mit der Masse im Strom zu schwimmen um "verwechselbar" zu sein. Denn genau dies möchten die Radiomacher ja eigentlich genau verhindern...

Besuch im "gläsernen Studio" im Wöhrl-Haus von "The Trashman". Die Band war zwischen 1964 und 1971 einer der "Top-Gruppen" in Unterfranken. Zum von Hermann Haupt initiierten "Beatrevival" von 1990 kamen die Musiker wieder zusammen um auch beim Umsonst & Draussen Festival zu spielen. Das Bild entstammt aus einem der ersten Programmhefte für das "U&D" und zeigt die Band im Studio bei W1. Links im Hintergrund sitzt Moderator Kay Rodegra. Rechts im Hintergrund erkennt man die dicke Studioscheibe von der aus man von außen in das Studio blicken konnte.Radio W1 war ein Sender der sich der sog. "progressiven Rockmusik" verschrieben hatte. Zwar wurden auch dort natürlich aktuelle Titel aus den Charts gespielt, der überwiegende Anteil gehörte aber eindeutig Interpreten wie "Tom Petty", "The Eagles", "Lou Reed", "Dire Straits", "The Police", "U2", "Europe", "Scorpions" und ähnlichen. Schon von Anfang an spielte also W1 eher Rockmusik als andere Musikrichtungen! Die ersten zwei Jahre des Lokalradios in Würzburg hatte ich selber aber nur am Rande mitbekommen und war - aufgrund meines Alters - kaum an dem Thema interessiert und habe es wenig gehört. Dies änderte sich schlagartig, als ich 1989 eines Tages das "gläserne Studio" im Wöhrl-Haus entdeckte aus dem gesendet wurde.

Mit meinen damals gerade 14 Jahren war es absolut faszinierend die Moderatoren die ich eben noch im Radio gehört hatte, nun auch live sehen zu können. Aus diesem Umstand heraus, entwickelte ich mich sehr schnell zu einem wahren "Fan" von W1 und habe dann eigentlich kaum mehr anderes gehört. Regelmäßig stand ich vor der dicken Studioscheibe und war wie von einem "Virus" befallen der sich "Radio" nennt. Mein späterer beruflicher Werdegang hat ganz sicher also genau an dieser Stelle seinen Anfang genommen...

Wie es die Umstände so wollten, fiel meine "Entdeckung" auch noch in eine für mich wichtige musikalische Zeit in meinem Leben. Den meisten von uns geht es wohl so, dass sie zwischen 12 und 14 Jahren anfangen sich vermehrt für Musik zu interessieren - das war bei mir nicht viel anders. Und so hat W1 seinerzeit auch nachhaltig meinen Musikgeschmack geprägt. Die Titel und Interpreten die ich bei W1 hörte, kannte ich damals natürlich im Großen und Ganzen nicht. Heute sind Interpreten wie Neil Young, Tom Petty oder andere bei W1 gehörte, meine "täglichen Begleiter" geworden und ich bin ehrlich gesagt dankbar für diese Prägung!

Infos zur W1-Geschichte

Radio W1 existierte vom 8. Mai 1987 bis zum 1. Oktober 1992. In diesen gut fünf Jahren wechselte der Sender insgesamt drei mal seine Räumlichkeiten. Die ersten gut zwei Jahre war das Studio in einer kleinen Dachgeschosswohnung in der Münzstraße 3 untergebracht. Dort wurde es offensichtlich Radio W1 - Radio zum Mitmachen für Unterfranken. Handzettel wie diese lagen immer wieder mal vor dem gläsernen Studio im Wöhrl-Haus aus. Auf der Rückseite konnte man an einem Gewinnspiel teilnehmen. Der Flyer war übrigens im Original grünes Papier und ist inzwischen - weit über 20 Jahre danach - entsprechend vergilbt.schnell zu eng und man nutzte - nachdem der Sender die eigene Frequenz Lockere Arbeitsatmosphäre in der Redaktion im Wöhrl-Haus. Danke für das Foto an Kai Fraass der hier auch auf dem Bild zu sehen ist.95,8 zugewiesen bekommen hatte - die Gelegenheit zu einem Umzug in das Modekaufhaus Wöhrl mit der Adresse "Beim Grafeneckart 10".

Dort wurden die Räumlichkeiten ausgebaut und es entstanden ein großer Redaktionsraum, einige Büros, ein kleineres Produktionsstudio sowie natürlich das Sendestudio. Durch den Neubau der Räumlichkeiten an dieser Stelle ergab sich die Möglichkeit ein sogenanntes "Gläsernes Studio" einrichten zu können. Somit konnten alle Hörer jederzeit während der Wöhrl-Öffnungszeiten mit der Rolltreppe in die dritte Etage fahren und den Moderatoren durch eine Glasscheibe bei der Arbeit zusehen. Damit man vor der Scheibe auch etwas mitbekam, waren zwei kleine Lautsprecher angebracht, über die das Programm übertragen wurde.

Bereits 1989 ging es dem Sender zusehends finanziell schlechter und das Programm war kurz davor aus eben diesen Gründen total eingestellt zu werden nachdem einer der Mitgesellschafter Konkurs angemeldet hatte. Zu dieser Zeit klebte für einige Zeit sogar der "Kuckuck" auf der Plattensammlung des Senders. Nachdem auch Mietzahlungen ausstanden, musste sich Radio W1 kurzerhand ein neues Domizil suchen und landete im Juli 1990 in der Ludwigstraße 8a.

Im Hinterhaus der dortigen Pritzel-Wäscherei (wenn man ins Haus rein kam, roch es immer extrem nach Waschmittel) hatte Mitgesellschafter Manfried Prater ein kleines Rundfunkstudio welches er W1 zur Aufrechterhaltung des Sendebetriebs zur Verfügung stellte und den Sender somit kurzfristig vor dem Untergang bewahrte.

Radio W1 kann man im Rückblick der Geschichte ohne Frage als "Stehaufmännchen" bezeichnen. Denn nach all den oben beschriebenen Schwierigkeiten, schaffte es der Sender tatsächlich für ein weiteres Jahr zu überleben. Am 17. Oktober 1991 startet ein komplett neues Hitradio-Programm mit überwiegend neuen Moderatoren die vorher über das "Trend-Magazin" gecastet und im Studio "Off-Air" bis zur "Sendetauglichkeit" getestet und trainiert wurden. Zwar klang W1 ab diesem Tag musikalisch und inhaltlich komplett anders, war aber immer noch alternativ und ziemlich cool.

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Der "Anfang vom Ende"

W1-Aufkleber in der letzten Version. Dieser war auch etwas kleiner als der oben gezeigte erste Aufkleber.Der "Anfang vom Ende" kam für W1 im November 1989 als die "W1 GmbH" - eines der sechs Mitglieder der Anbietergesellschaft - beim Amtsgericht Würzburg einen Vergleich anmeldete, der aber kurz darauf wieder zurückgezogen werden konnte. Schon damals stand zur Debatte den Sendebetrieb einzustellen. Überraschend half aber der Arzt und Amtsrichter Dr. Bernd-Jochen Strubel dem Sender sozusagen aus der "Patsche". Über seine Frau Sigrun war er bereits am W1-Mitanbieter "Freie Welle" beteiligt. Sigrun Stubel stellte damals die Zahlungsfähigkeit der W1-GmbH wieder her. Gegenüber der Main-Post äußerte Stubel später, dass das Ehepaar "in vier Monaten über 200.000 D-Mark für Honorare und Rechnungen" übernommen habe. So sei der "zu neun Zehnteln tote" Sender "wieder zum Leben erweckt" worden.

Lange sollten die Gelder damals aber nicht ausreichen: Am 5. Juni 1990 meldete die W1 GmbH beim Main-Post Artikel vom 06. Juni 1990Amtsgericht Würzburg endgültig Konkurs an. Der damalige Geschäftsführer Dieter Frieß begründete dies damit, dass zum 31. Mai 1990 eine Zusage wiederrufen worden war, die laufenden Kosten des Sendebetriebs - für den überwiegend die W1 GmbH zuständig war - vorzufinanzieren. Unter diesen Umständen habe man nicht weiterarbeiten können. Die durchweg mittelständischen Anbieter und ihre Geldgeber waren also schlicht und ergreifend nicht mehr in der Lage die Kosten für den Sendebetrieb zu tragen.

Frieß richtete seinerzeit auch schwere Vorwürfe an die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM). Man hatte in Würzburg "andere Geldgeber" gefunden, die auch bereit gewesen wären, eine neue W1-Produktionsgesellschaft zu gründen. Dies habe die BLM aber abgelehnt. In diese neue Firma hätte ein Gesellschafter eintreten sollen, der bis dato nicht unter den W1-Anbietern war und daher keine "Lizenz zum senden" hatte - das wäre gesetzlich nicht zulässig gewesen. [2]

Dieter Frieß warf bereits zum 31. März 1990 das Handtuch und kündigte seinen Vertrag als Geschäftsführer der W1-Anbietergesellschaft, blieb aber weiterhin Geschäftsführer des Anbieters W1 GmbH. Neben ihm gingen zu diesem Termin auch Chefreakteur Hermann Haupt und der Leiter der Werbeabteilung Peter Lewandowsky. Frieß begründete seinen Schritt damals damit, dass er die "geplante künftige Konzeption des Senders aus Überzeugung nicht mittragen" könne. Der Etat für die redaktionelle Arbeit sollte weiter reduziert werden, und er glaubte nicht, dass sich der Sender damit auf einem erfolgversprechende Weg befindet und konnte sich damit "nicht identifizieren". [3] Wie sich später zeigte, sollte er letztlich damit Recht behalten...

Main-Post Artikel aus dem Jahr 1991.Die BLM war damals drauf und dran W1 komplett dicht zu machen. Sie berief sich dabei auf ein Wirtschaftsgutachten, nachdem drei Radios für Würzburg angeblich zu viel gewesen wären und wollte die angespannte wirtschaftliche Situation nutzen um für ein Ende zu sorgen. Die Kabelgesellschaft (der lange Arm der BLM in Würzburg) forderte gar zynisch ein "sauberes Ende" für Radio W1. In Würzburg bekam die Öffentlichkeit damals reichlich von der Situation mit. Einerseits berichtete die Main-Post immer wieder über die Schwierigkeiten der Medienkollegen, andererseits war da das kleine Groschenheft und Trend-Magazin (vom Mitgesellschafter Manfried Prater) die ausführlich über das Thema berichteten und die "Fans" des Senders zum Handeln aufriefen. In einer Eine Erinnerung an vergangene Zeiten die seit über 22 Jahren hält. Ein Graffiti in der Bahnunterführung an der Stuttgarter Straße zeigt den Schriftzug "Rettet W1".Groschenheft-Ausgabe war zu lesen: "Also: nehmt die Postkarten zur Hand und schreibt an die BLM `Wir brauchen W1`, 'W1 darf nicht sterben!'. Ruft den Sender an, zeigt, dass ihr das Programm noch hören wollt, oder lasst euch sonst was einfallen. Phantasie ist gefragt". Aus dieser Zeit befindet sich heute noch ein Graffiti in einer Bahnunterführung an der Stuttgarter Straße. "Rettet W1" kann man dort immer noch in roten Lettern lesen...

In Ihrer Sitzung vom 28. Juni 1990 hatte die BLM dann entschieden, dass W1 trotz all der Schwierigkeiten auf Sendung bleiben darf wenn man ein "tragfähiges wirtschaftliches Konzept" entwickeln würde - und so sollte es tatsächlich auch kommen!

Übrigens: Radio W1 war laut der Funkanalyse von 1990 das "Meist gehörte Programm" von allen drei Lokalradios in der Zielgruppe 14 bis 39 Jahre! Bei der Infratest Funkanalyse 1990 wurde die Frage gestellt: "Welchen Sender, welches Programm hören Sie persönlich am meisten?" In der Altersgruppe 14 bis 29 Jahre lag W1 mit stolzen 14% ganz deutlich vor den anderen beiden Sendern (Gong 8%, Charivari 7%). Auch in der Altersgruppe 14 - 39 Jahre lag W1 noch mit 9% vor Gong (8%) und Charivari (7%).

Das war damals ein Spitzenwert und bedeutete, dass andere Sender Hörer hatten, W1-Hörer aber waren eben Fans! 78% der W1-Hörer waren Fans, die ihrem Radio sehr treu waren und W1 zu ihrem "meist gehörten Sender" gewählt hatten. Zum Vergleich: Nur 54% der Gong-Hörer und 49% der Charivari-Hörer wählten ihr Programm zum meist gehörten Programm.

W1 - das "Stehaufmännchen"

Main-Post Artikel vom 7. Juli 1990. Am Tag vorher war Sendeschluss im gläsernen Studio im Wöhrl-Haus.Fast auf den Tag genau vier Wochen nach der BLM-Entscheidung - am 6. Juli 1990 - räumte W1 dann das Sendestudio im Wöhrl-Haus. Ausstehende Mietzahlungen führten für den Sender zur Kündigung der Räumlichkeiten. Eigentlich ein absoluter Super-Gau für einen Radiosender! Zu allem Überfluss klebte damals in der Tat der "Kuckuck" auf der Plattensammlung. Hier eine der letzten Moderationen aus dem Studio im Wöhrl-Haus von Claudia Back.

Nachmittags um 16 Uhr war damals nur noch Rauschen auf der Frequenz 95,8 zu hören. Aber nur für gut fünf Minuten. Dann nämlich war von der Post umgeschaltet worden in das "neue" Studio in der Ludwigstraße 8a.

Studiobesuch bei Kai Fraass im Sendestudio in der Ludwigstraße. Danke für das Bild an Kai Fraass der hier auch zu sehen ist.Mitgesellschafter Manfried Prater hatte spontan sein eigenes kleines Rundfunkstudio zur Verfügung gestellt um den Sendebetrieb aufrecht zu erhalten. Für die ersten Tage war fortan nur "Nonstop-Music" vom Tonband zu hören. So lange, bis die eigentliche Sendetechnik im Wöhrl-Haus abgebaut und im neuen Studio wieder aufgebaut war. Auch die Redaktion musste natürlich umziehen. [4]

Das Programm "dümpelte" dann einige Wochen so vor sich hin. Jetzt musste einiges anders werden bei Radio W1 damit das "wirtschaftlich tragfähige Konzept" auch tatsächlich in die Tat umgesetzt werden konnte. Für W1 war es jetzt unerlässlich Werbekunden aufzutreiben die Geld in die leeren Kassen spülen sollten.

Die Idee die damals die Rettung für den kleinen Sender brachte, hatte man sich aus den USA abgeschaut. Statt nur "normale" Werbung im Programm zu senden, wurden gleich komplette Sendestunden an 12 regionale Sponsoren verkauft. Es mussten also die "goldenen 12" gefunden werden die 12 Stunden Programm im Zusammenschluss tragen sollten.

Es dauerte eine Weile bis endlich klar war, wer diese sein würden. Als dann aber die Sponsoren endlich gefunden waren, wurde dies On-Air voller Stolz mit folgendem immer wieder kehrenden Spot verkündet. Dafür musste Neil Young mit"Rockin`in the free world" herhalten.

Mit dabei waren damals unter anderen die Sparkasse Mainfranken, Bono Zum Start des neuen W1-Programms am 17. Oktober 1991 wurden überall in der Stadt Handzettel verteilt mit der Aufschrift: "Jetzt funkt´s anders".Möbelabholmarkt, Breuninger Top Shop, Teeparadies, Brückenbäck, Wohngesund, Groschenheft und Trendheft, der Zauberberg, die Reinigung I.B. Mahler und einige weitere. Und so war ab diesem Zeitpunkt zum Beginn einer Sendestunde eben der Hinweis zu hören, welche Kunde nun die folgende Stunde "gekauft" hatte.

Aber das sollte noch nicht alles sein was "neu" war auf der 95,8. Auch das Programm sollte sich bald komplett ändern. W1 wurde vom "Rock `n` Roll Sender" zu einem modernen Hitradio. Der Startsschuss dafür fiel am 17. Oktober 1991 um 6 Uhr.

Für den neuen W1-Sound musste auch das alte Jingle-Paket weichen, da dieses beim besten Willen nicht mehr wirklich zu einem schnellen und "aggressiven" Hit-Radio-Format passte. Auch die Station-Voice wurde bei dieser Gelegenheit ausgewechselt und so war statt Bodo Henkel nun John de Graaf die tonangebende Stimme des Senders. Das Ergebnis klang dann wie folgt:

Jingle-Collage

Station-Voice-Collage

Mit der Programmreform wurde auch der eigentliche Sound der Station verändert. Dazu wurde kräftig am Sendekompressor gedreht, so dass W1 ab diesem Tag deutlich bassiger und vor allem komprimierter klang. Damit sollte eine möglichst hohe Ausgangslautstärke im Radio erreicht werden was auch gelang. Allerdings war der Nachteil, dass man ein eindeutiges sogenanntes "Pumpen" des Kompressors hören konnte.

Radio W1 - und "This is the end"

Es half alles nichts: W1 sollte nicht länger auf Sendung bleiben und sowohl finanzielle als auch medienpolitische Gründe führten letztlich am 1. Oktober 1992 zum unweigerlichen Ende des Kults auf der 95,8.

Daran war auch Radio Gong aus dem Funkhaus Würzburg nicht ganz unschuldig. Ohne Genehmigung hatte Gong nämlich das Musikformat gewechselt und war ein Hit-Radio geworden (neuer Slogan: "Ein Sender - alle Hits. Radio Gong"). Mit diesem Programm hatte man es - wie W1 - auf die Zielgruppe der 14 - 39-jährigen Hörer abgesehen. Weder der Medienrat noch die BLM hatten diesen Formatwechsel damals genehmigt! [5] Gong hatte sich also frech und unerlaubt in der Nische von W1 platziert um die junge Hörerschaft "abzugraben". Denn genau diese Hörerschicht war es, in der W1 traditionell am erfolgreichsten in Würzburg war. (siehe "Funkanalyse von 1990" im Abschnitt "Der Anfang vom Ende")

Zusätzlich war mittlerweile das "Funkhaus Würzburg" gegründet worden. Radio Charivari war also mit in die Räumlichkeiten von Radio Gong in der Semmelstraße gezogen. Somit konnten beide Sender sehr gut Geld einsparen bei Personal, Mietkosten, Technik und Werbezeitenverkauf und hatten einen erneuten wirtschaftlichen "Vorteil" gegenüber Radio W1. Genau dieser "Vorteil" sollte es W1 erst Recht schwer machen. Der W1-Geschäftsführer Manfried Prater sagte der Neuen Volkacher Zeitung damals: "W1 gerate immer tiefer in die roten Zahlen seitdem die beiden anderen Radios kooperieren". [5]

Auch der Journalistenverband kritisierte das Funkhauskonzept schon vor seiner Gründung. Nach Ansicht des Verbandes widersprach dies der Zielsetzung des Landesmediengesetzes, die "Meinungsvielfalt zu vergrößern". "Den Hörern in der Region Würzburg würde dadurch nur noch auf musikalischem Sektor eine Auswahlmöglichkeit geboten", kritisierte der Verband. Da W1 eine ausreichende Lokalberichterstattung personell und finanziell nicht gewährleisten könne, erhalte das gemeinsame Wortprogramm von Gong und Charivari eine monopolartige Stellung. [6]

Der letzte Sendetag von Radio W1 war dann nochmal ein wirklich besonderer. Fast alle Moderatoren die aktuell zur Crew gehörten, hatten an diesem Tag nochmal eine Sendung und - sehr unüblich für ein Hitradio - war es am letzten Tag den Moderatoren überlassen, welche Musik sie spielten. So war also der letzte Tag nochmal richtig "ehrlich" und hatte wieder den Charme der Vergangenheit. Die W1-Djs spielten neben ihren "peinlichsten Lieblingsliedern" auch einfach ihre Lieblingsplatten. Den ganzen Tag über kamen unzählige Faxe in der Redaktion an (Email und Internet gab es ja noch nicht), die immer wieder von den Moderatoren vorgelesen wurden. Alle Hörer - oder besser gesagt die "Fans" von W1 - bekundeten ihren Unmut über das nahende Ende. In den Nachrichten wurde stündlich darauf hingewiesen, dass am Abend Sendeschluss sein würde.

Um Punkt 20 Uhr war es dann soweit. Zu diesem Moment lief das erste Mal die legendäre Endlosschleife an, die Moderator und W1-Urgestein Kai Fraass eigens für das "dicke Ende" von W1 produziert hatte. Die W1-Frequenz 95,8 blieb noch ganze drei Wochen offen stehen und viele Würzburger hatten vielleicht wirklich die Hoffnung, dass es doch nochmal weitergehen würde (mich eingeschlossen). In dieser Zeit lief rund um die Uhr - Tag und Nacht - die Endlosschleife mit der Absage von Kai und dem Titel "The End" von den "Doors" und wurde wiederum zum Kult in Würzburg. In einigen Kneipen der Stadt lief damals teilweise wirklich nichts anders mehr...

Und hier schließt sich der Kreis: W1 hatte eben keine Hörer, sondern W1 hatte Fans!

Alle die diesen Artikel nun gelesen und das Ende von W1 damals "verpasst" haben, können es hier nun noch einmal mit den folgenden beiden Audioplayern "erleben". Moderator der letzten W1-Sendung war Armin Clauß.

Die letzten 23 Sendeminuten

Die legendäre Endlosschleife (mit Loop-Funktion)

Wirklich schwer zu ertragen war dann das, was nach W1 auf der 95,8 folgte - es war schlicht und ergreifend der krasse Gegensatz! Denn nach dieser Zeit startete "Radio Melodie" aus München mit einem 24-Stunden-Hardcore-Volksmusikprogramm. Interpreten wie die "Kastelruther Spatzen" oder "Marianne und Michael" waren jetzt angesagt. Erstaunlicher Weise hielt sich der Sender bis zum 31. März 2008 und wurde dann eingestellt.

Heute sendet auf der Frequenz 95,8 das private Jugendradio "Ego-FM" aus München und klingt dabei für meinen Geschmack gar nicht mal so schlecht. Allerdings ist die einzige Gemeinsamkeit mit W1 vielleicht, dass auch Ego-FM keine Mainstream-Musik spielt - das war es dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten.

Quellenangaben
  1. Gunther Schunk, Peter Nossol - "Was war los in Würzburg 1950 - 2000" - Seite 109 ff.
  2. "Mitanbieter von Radio W1 meldet Konkurs an" → Main-Post Artikel vom 6. Juni 1990
  3. "Geschäftsführer Frieß steigt aus" → Main-Post Artikel vom 27. März 1990
  4. "Beim großen Rauschen wechselte W1 die Frequenz" → Main-Post Artikel vom 7. Juli 1990
  5. "Grüne: Würzburger Sender "W1" wird ausgeblutet" → Neue Volkacher Zeitung vom 11. Juli 1990
  6. "Monopolstellung lässt Welle "W1" keine Chance" → Main-Post Artikel von 1990 (genaues Datum unbekannt, Artikel liegt vor)

 

Letzte Aktualisierung: 21.01.2016